Stilwende 1900 – Schönheiten einer Epoche

Herzlich Willkommen zu unserer Ausstellung “Stilwende 1900 – Schönheiten einer Epoche“!

So würden wir Sie gerne zur Zeit im Jugendstilforum Bad Nauheim empfangen und Ihnen zahlreiche wundervolle Exponate zeigen. Doch leider hat sich eine dicke Staubschicht auf das Innere des Badehauses 3 gelegt und so bleibt uns aktuell nur die Möglichkeit Ihnen zumindest digital schon einmal ein klein wenig den Mund wässrig zu machen.
Alle die, die sich in und um Bad Nauheim aufhalten können einige ausgewählte Objekte auch schon im Foyer des Theaters in der Trinkkuranlage bewundern.
All das ist natürlich kein Ersatz für die echte Ausstellung und niemand findet dies wohl trauriger als wir, aber wir hoffen weiter, dass die Probleme so schnell wie möglich beseitigt werden können und wir dann endlich die “Stilwende” in Gang setzen können.
Sobald wir einen Termin wissen informieren wir Sie sofort – versprochen!
Und jetzt: Lassen Sie uns einen Blick in die geplante Ausstellung “Stilwende 1900” werfen!


Wir wünschen viel Spaß beim Entdecken!
Ihr Team vom Jugendstilforum

Jugendstil Art Nouveau Liberty Modern Style Sezession

Die Stilwende(n) um 1900

Jugendstil – Art Nouveau – Sezession – Modern Style – Liberty Style – Stile Florale – Modernismo
Nein, das sind nicht sieben verschiedene Stile – eigentlich ist es nur ein Stil. Dieser eine Stil allerdings hat viele verschiedene Namen und noch mehr verschiedene Ausprägungen.

All diese Stilausprägungen verbindet, dass sie um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, dass sie alle einen deutlichen Gegenpol zum bisherigen Stil darstellen wollten, dass sie die Natur, den Menschen und die Schönheit in den Mittelpunkt stellten.

Die Grundidee war eine gemeinsame, die Wege, wie man sie umsetzen wollte allerdings, die waren noch verschiedener als die Namen, die man ihnen gab. Da gab es floral verspielte beinah kitschig anmutende Muster ebenso wie gerade Linien, schiere Geometrie, die eine gewisse Kälte verströmten und da gab es auch das Brachiale, das Heroische, das irgendwie übertrieben wirkte. Eines aber war es immer: anders! Und genau das sollte es ja auch sein.

Die Ausstellung “Stilwende 1900 – Schönheiten einer Epoche” zeichnet in neun Kapiteln die verschiedenen Formen und Ausprägungen dieser Stilepoche, die so viele Namen trug, nach.

1. Glas – Zerbrechliche Schönheiten

Glas ist spätestens seit der Antike ein nahezu mythischer Werkstoff. Eine unendlich scheinende Formenvielfalt schillernd in allen Farben des Regenbogens und dabei zart und fragil, durchscheinend und grazil. So präsentieren sich die zerbrechlichen Schönheiten.
Kein Wunder also, dass die Künstler:innen der Jugendstilepoche diesen Werkstoff liebten und ihn in immer neuen Formen und vor allem immer neuen Farben neu erfanden.
Vor allem irisierende Gläser hatten es den Menschen der Belle Époque angetan. Sie wirkten wie antike Gläser, die in jenen Jahrzehnten zu Hauf ausgegraben wurden.
Mit diesem einzigartigen Material beginnt die Ausstellung “Stilwende 1900” im Bad Nauheimer Jugendstilforum.
Die Schwerpunkte liegen auf den bekannten und berühmten Glasmanufakturen wie Loetz Witwe, Wilhelm Kralik, von Poschinger, Fritz Heckert und Pallme, König & Habbel. Beheimatet waren sie in Böhmen, ebenso wie in Schlesien, im Bayerischen Wald, im Riesengebirge und im Rheinland.
Aber nicht nur im Deutschen und im Habsburgischen Reich (Österreich-Ungarn) gab es an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert solche berühmten Glasmanufakturen. Auch in Frankreich liebte man diesen Werkstoff, setzte ihm den Stempel der Art Nouveau auf und bezog ihn in die Stilwende 1900 ein.

2. Stil der Jugend: München – Nürnberg – Württemberg

Im Süden Deutschlands war eines der Hauptzentren des neuen Stils, den man hier “Jugendstil” nannte und wenn man die heimliche Hauptstadt sucht, dann landet man unweigerlich in München. In dieser Stadt nämlich wurde die Zeitschrift “Jugend” herausgegeben und sie gab in Deutschland diesem neuen Stil seinen Namen. Außerdem lebten und arbeiteten in München auch zahlreiche Künstler:innen, die sich diesem Stil verschrieben hatten. Es waren Künstler:innen wie Peter Behrens, Tina Blau, Sophie Burger-Hartmann, Richard Riemerschmid, Wanda von Debschitz-Kunowski, Friedrich Adler oder auch Else Oppler-Legband, die das Kunstleben Münchens zu einem ganz besonderen machten.

Auch Nürnberg profitierte von diesen Münchener Künstler:innen, insbesondere von den genannten Männern, denn zwischen 1901 und 1913 veranstalteten sie in Nürnberg sogenannte Meisterkurse.

Württemberg, speziell der Stuttgarter Raum war ein kunstgewerbliches Dorado, vor allem bezogen auf metallverarbeitende Betriebe. Manufakturen in Städten wie Pforzheim, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd, Esslingen und Geislingen produzierten Silberwaren, Schmuck und zahlreiche andere Gegenstände aus Messing, Kupfer oder Zinn.

3. Darmstadt – die Künstlerkolonie

Die Darmstädter Künstlerkolonie ist wohl eine der bekanntesten Künstlerkolonien der Jugendstilzeit. Gegründet wurde sie im Jahr 1899 von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein. Der kunstaffine Großherzog hatte schon in seiner Jugend Bekanntschaft mit der englischen Arts and Crafts-Bewegung gemacht, denn durch den frühen Tod seiner Mutter wuchs er zeitweilig am Hof seiner Großmutter auf und das war keine geringere als Queen Victoria.

Anders als die meisten seiner damaligen Standesgenossen war der in jeder Hinsicht ungewöhnliche Landesherr der modernen Kunstströmung zugetan und förderte sie. Dabei war diese Förderung nicht ganz uneigennützig, denn Ernst Ludwig erhoffte sich dadurch vor allem auch eine Steigerung der hessischen Wirtschaft. Getreu seinem Motto: “Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst!”

In seine Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe berief er zahlreiche bekannte und namhafte Künstler, wie Paul Bürck, Patriz Huber, Ludwig Habich, Heinrich Jobst, Ernst Riegel, Jakob Julius Scharvogel, Hans Christiansen, Friedrich Wilhelm Kleukens und allen voran Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens.

Die Arbeiten vieler dieser Künstler können Sie nicht nur in unserer Ausstellung “Stilwende 1900” bewundern, sondern auch im Ambiente der Ausstellung, dem Bad Nauheimer Sprudelhof. Bei seiner Errichtung wirkten selbstverständlich auch die Darmstädter Kolonisten mit. So finden sich auch hier Arbeiten von Scharvogel, Kleukens, Jobst und auch Riegel.

4. Blickpunkte: Berlin – Dresden – Weimar

Berlin war mit Beginn des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 zur Hauptstadt des Reiches geworden. Aber Berlin war nicht nur Hauptstadt, es war auch eine Metropole der Künste und vor allem der Kunsthändler. Namen wie Keller & Reiner oder auch der Hohenzollern Kunstsalon genossen Renommée und Beachtung.

Dresden war nicht nur barockes Elbflorenz, sondern auch eine Stadt des Kunsthandwerks, das im Jugendstil eine besondere Rolle einnahm. Neben dem Kunsthandwerk war es die Architektur des Jugendstils, die sich in Dresden besonders viel Geltung verschaffte.

Die dritte Stadt der Region war Weimar. Der Mann, der hier besonders seine Spuren hinterließ war Henry van de Velde. Der “Alleskönner” war schon bei seiner Berufung nach Weimar im Jahr 1902 ein Star. Harry Graf Kessler war es, der ihn nach Weimar holte. Hier schuf van de Velde 1908 das Gebäude der Kunstgewerbeschule, die wenige Jahre später zum Mekka eines wieder anderen und neuen Stils werden sollte: dem “Bauhaus”.

5. Der Impuls des Westens

Die Region zwischen Rhein und Ruhr oder genauer gesagt zwischen Köln, Krefeld und Hagen war um 1900 eine für die Kunst und das Kunsthandwerk ausgesprochen bedeutende Region.
In Hagen beispielsweise hatte der Kunstmäzen und Sammler Karl Ernst Osthaus zwischen 1898 und 1902 das “Folkwang Museum” errichten lassen. Die Inneneinrichtung des neuen Museums übernahm Henry van de Velde.
Auch in Krefeld wurde ein neues Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst errichtet. Es war das “Kaiser-Wilhelm-Museum”. Der erste Direktor dieses auf bürgerschaftliches Engagement zurückgehenden Museums war der Kunsthistoriker Friedrich Deneken. Er baute die Sammlung auf und legte besonderen Wert auf den “Erwerb neuerer Kunsterzeugnisse”.

In Köln gab es zwar kein Museum, das denen in Krefeld und Hagen vergleichbar war, aber es gab dort wichtige Ausstellungen. Den Anfang machte 1912 die Ausstellung des Sonderbund. Hier wurden unter anderen auch über 100 Werke van Goghs gezeigt. Noch wichtiger wurde die Ausstellung des Deutschen Werkbundes im Jahr 1914.

Aber man stellte im Westen nicht nur Kunst und Kunstgewerbe aus, man stellte es auch her. So gab es in Ehrenfeld bei Köln die Rheinische Glashütten AG. In Köln selbst waren Firmen wie Orivit oder Electra ansässig. Die berühmte Marke Kayserzinn war in Krefeld ansässig und Lüdenscheid war ein Dorado für Firmen, die kunstgewerbliche Gegenstände aus Zinn, Messing und Kupfer herstellten.
Dazu kamen die Firmen Bahner und Beumers in Düsseldorf und in Bonn produzierte Ludwig Wessel hochwertige Wandplatten.

6. Made in Austria

Wien war die Metropole in der habsburgischen k.u.k.-Monarchie. Dies galt auch oder auch besonders in Sachen Kunst und Architektur. Eine der beherrschenden Gestalten war hier Otto Wagner. Der Architekt und Stadtplaner gab Wien das Gesicht, das die Stadt noch heute prägt.
Zu seinen Schülern zählte auch das Who is who der Jugendstilepoche darunter Künstler wie Joseph Maria Olbrich, Koloman Moser und Josef Hoffmann.
Sie gehörten auch, gemeinsam mit Gustav Klimt zu den Gründungsmitgliedern der sog. Wiener Secession, der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs. Die Inschrift am Eingang des von Olbrich entworfenen Secessionsgebäudes prangt eine Inschrift mit der Aufschrift “Ver Sacrum”, übersetzt “Heiliger Frühling”. Diese Inschrift gab auch der von der Vereinigung herausgegebenen Kunstzeitschrift ihren Namen.
Die drei Wagner-Schüler gründeten 1903 gemeinsam mit dem Kunstmäzen Fritz Waerndorfer die “Wiener Werkstätte”. Zielsetzung der Werkstätte war es Kunst und Handwerk miteinander zu verbinden und Gebrauchs- und Dekorationsgegenständen eine neue künstlerische Gestalt zu geben.
So entwickelte sich Wien zu einem der innovativsten Zentren des Jugendstils, der hier Secession genannt wurde.

7. L’Art Nouveau: Paris – Nancy

Eine Stilwende gab es um 1900 auch in Frankreich. Die führenden Zentren hier waren Paris, vor allem aber das lothringische Nancy.
In Nancy bildete sich eine einflussreiche Gruppe von französischer Künstler und Kunsthandwerker heraus, die vor allem von Namen wie Émile Gallé, den Gebrüdern Daum und Louis Majorelle beherrscht wurde. Dabei wurde Nancy vor allem zum Zentrum all jener Künstler:innen, die die von Deutschland besetzten Gebiete Lothringens und des Elsass verlassen hatten.
Ein Sammelbecken für Künstler:innen war auch Paris. Hier allerdings waren es weniger französische Künstler, als vielmehr europäische, insbesondere belgische Künstler:innen, die die Szene maßgeblich beeinflussten.
Wichtig in Paris wurden vor allem die Galerien. Interessanterweise waren es zwei Deutsche, die hier den Ton angaben und der neuen Stilrichtung ihre französische Bezeichnung verliehen. Der eine war Julius Meier-Graefe mit seinem “Maison Moderne” und der zweite, noch wichtigere Samuel Bing mit der Galerie “L’Art Nouveau”. Und “L’Art Nouveau” wurde dann auch die neue Stilrichtung in Frankreich genannt: “Neue Kunst”.
Neben Künstler:innen und Galerien waren es auch die Weltausstellungen in den Jahren 1889 und 1900, die speziell in Paris einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der neuen Stilrichtung bekamen.

8. Sie prägten einen Stil: Liberty – Tiffany

Denkt man die Belle Époque, die Epoche des Jugendstils und wendet sich dann in den angloamerikanischen Raum, dann sind es zwei Namen ohne die diese Ära dort nicht zu denken ist. Für Großbritannien ist es Arthur Lasenby Liberty. Er selbst als Person ist dabei gar nicht so bekannt, bekannt aber ist das was er schuf: das Kaufhaus Liberty.
Dieses bis heute bestehende und bekannte Kaufhaus, das Ziel wohl eines jeden London-Reisenden ist, wurde 1875 von dem 1843 geborenen Kaufmann gegründet. Von Beginn an fokussierte sich Liberty auf asiatisches, speziell auf japanisches Kunsthandwerk. Dabei war Liberty den neuen Strömungen der Arts and Crafts-Bewegung sehr zugetan. Der endgültige Durchbruch gelang ihm, als er in den 1890er Jahren begann mit dem Designer Archibald Knox zusammenzuarbeiten.
Die kunsthandwerklichen Arbeiten, die dort entstanden und in die ganze Welt verkauft wurden, hatten einen derart prägenden Einfluss auf den neuen Stil, dass er z.B. in Italien bis heute “Stile Liberty” genannt wird.
Nicht weniger prägend war der andere Mann, auch wenn er nicht zum Namensgeber des neuen Stils wurde: Louis Comfort Tiffany.
Die Glaskreationen, die der US-amerikanische Künstler und Unternehmer in seinen Tiffany Studios in New York entwickelte, sind bis heute prägend. Vor allem seine Innovationen machten ihn berühmt, wie z.B. das Patent auf irisierendes Lüsterglas.

9. Schmuck- und Silberkabinett – der metallische Glanz der Stilwende 1900

Die Liebe zu Schmuck war ein besonderes Kennzeichen der Stilwende um das Jahr 1900. Es war sozusagen die Wende hin zur Erfindung des Modeschmucks.
Der technische Fortschritt machte es möglich Schmuckstücke nun in großer Stückzahl und damit – im Verhältnis zu früheren Zeiten – günstig herzustellen. Aber nicht nur das, offenbar war jenen Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auch eine ganz spezielle Liebe zum Schmuck innewohnend. Zu kaum einer anderen Zeit hat es so viele Manufakturen und kleine oder größere Unternehmen gegeben, die Schmuckstücke und Pretiosen herstellten, wie in jenen Jahrzehnten.
Zählungen ergaben über 6.000 Betriebe unterschiedlichster Größe allein in Deutschland, die Edelmetalle verarbeiteten. Von diesen wiederum befanden sich alleine 500 (!) in Pforzheim. Dabei hatte die Stadt im Jahr 1890 nicht einmal 30.000 Einwohner.
Neben der Schmuckstadt Pforzheim gab es noch weitere Städte in Deutschland, die führend in der Silberwarenherstellung waren, unter ihnen Schwäbisch Gmünd, Heilbronn und auch Bremen.

“Stilwende 1900 – Schönheiten einer Epoche”